Als Internationale Jugend und Studierendenkollektiv sind wir mit einer Delegation zum Frankreichweiten Aktionstag am vergangenen Dienstag, dem 6. Oktober, nach Straßburg gereist. Am 17. September gab es einen Solidaritätsstreik von Schüler:innen mit den Lehrer:innen, welche gegen Lehrermangel und fehlende Ressourcen protestierten. Seitdem haben sich die Schüler:innenproteste von den Pariser Vororten aufs ganze Land ausgebreitet.
In den frühen Morgenstunden am Dienstag gegen 6 Uhr sind wir durch die noch sehr leere Stadt gelaufen. An den Gymnasien, an denen es die Tage zuvor massive Blockaden gab, waren nur ausgebrannte Mülltonnen und Überreste von Blockaden zu sehen. Als Maßnahme, Dynamik aus den Schüler:innenprotesten zu nehmen, blieben an dem Tag viele Gymnasien geschlossen und unterrichteten ausschließlich online.
Insgesamt blieben laut Bildungsministerium 90 Prozent aller Gymnasien des Landes an diesem Tag geschlossen. An der Universität hingegen waren schon vor der Öffnung Student:innen und Jugendliche, welche alle Eingänge mit Bauzäunen, Mülltonnen und allem, was noch zu finden war, blockierten. Rund um die Blockaden waren Schilder mit Forderungen gegen den massiven Kürzungsplan im Bildungsbereich zu sehen und auch Solidarität mit den Schüler:innen, welche auf ihren Protesten mit massiver Polizeigewalt konfrontiert waren, nahm eine große Rolle ein. Am Tag zuvor hatte ein 15-Jähriger seine Hand durch eine Blendgranate verloren.
Nachdem alle Blockaden standen und es darum ging, sie gegebenenfalls zu verteidigen, entspannte sich die Lage in den kommenden Stunden zunächst. Wir hatten die Möglichkeit mit vielen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Die Jugendlichen waren sehr dankbar, dass unsere Delegation da war, und interessierten sich für den Austausch mit uns, einer sozialistischen Schüler:innen- und Studierendenorganisation aus Deutschland. Unser Transparent mit der französischen Aufschrift: „Solidarität aus Deutschland: Gemeinsam streiken, gemeinsam kämpfen!“ wurde mit Applaus begrüßt und uns von Jugendlichen quasi aus der Hand gerissen, die damit ein gemeinsames Gruppenbild machten und es später von einem Gebäude direkt neben der Blockade aufhängten. Ein Student der Universität hat einen unserer Flyer auf französisch genommen, sich auf eine der Mülltonnen, welche die Uni blockierte, gestellt und diesen vorgelesen.
Danach gab es großen Applaus von den Umstehenden. Ein paar Minuten später waren alle unsere Flyer verteilt. Was uns direkt aufgefallen ist, als wir mit den Jugendlichen geredet haben, ist, dass in der Protestbewegung Optimismus herrscht und ein Kampfgeist, von dem wir viel lernen können. Trotz der medialen Hetze und der Polizeigewalt haben wir immer wieder gehört, dass es der vielversprechendste Versuch ist, grundlegende Veränderung zu erreichen, seit der Studentenbewegung 1968 und den niedergeschlagenen Gelbwestenprotesten zwischen 2018 und 2020.
Um 10 Uhr gab es an der Uni eine Vollversammlung nachdem sich auch mehrere Hundert Schüler:innen dem zentralen Protest angeschlossen hatten. Etwa gleichzeitig erreichte uns auch die Nachricht, dass die Universität ihre Präsenzveranstaltungen für diesen Tag ebenfalls ausschließlich online macht. Auf der blockierten Straße wurden Diskussionsgruppen der verschiedenen Schulen und Unis gebildet, schnell war der Plan fertig: Wir wollen laufen und unseren Widerstand auf die Straße tragen!
Gegen 11 Uhr formierte sich der Protest, die Polizei jedoch versperrte den Weg. Wir haben es geschafft, die Polizei einige Meter nach hinten zu drängen – den Schlägen der Polizisten zum Trotz. Es wurde jedoch nicht geschafft, die Polizeikette zu durchbrechen. Dann ging es schnell, die Hunderte, zu dem Punkt wahrscheinlich schon tausend Jugendliche, setzten sich in eine andere Richtung in Bewegung. Für eine Stunde zog der Protestzug durch die Straßen, am Rande wurden Plakate aufgehängt, Graffiti gesprüht und Jugendliche eingeladen, sich anzuschließen. Die Demonstration wollte in Richtung Innenstadt, dem Ort, an dem nachmittags die Großdemo in Solidarität mit der Jugend gehen sollte, zu welcher auch die Gewerkschaften aufgerufen hatten.
Alle Straßen in diese Richtung wurden von der Polizei blockiert. Ein Versuch mit Pyrotechnik und Mülltonnen eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen, wurde mit Tränengas und Polizeigewalt beantwortet. Nachdem die Demo weiter durch die Stadt lief, löste sie sich irgendwann auf.
14 Uhr sollte die Großdemo beginnen. Besonders war, dass neben den Schüler:innen und Student:innen auch Gewerkschaften und Bauernverbände zum Protest aufriefen. Während der Demonstration waren in der ersten Reihe zwischen Polizei und Jugendlichen immer mehrere Dutzend Gewerkschafter der CGT, welche einen friedlichen Protest ermöglichen wollten. Während der Demo konnte man in keiner Richtung ein Ende sehen, die Straßen waren mit vielen tausend Menschen geflutet.
Im Minutentakt riefen die Protestierenden aus Freude und winkten, weil sich jemand an einem Fenster oder aus einem Auto heraus solidarisierte. Auch viele ältere Menschen. Es gab viele Protestschilder und Transparente, welche auch andere Themen als den massiven sozialen Angriff auf die Jugend beleuchteten. Wie die rassistische Polizeigewalt, die Wahlerfolge der faschistischen Rassemblement National (RN) oder die Militarisierung, welche ähnlich wie in Deutschland auch in den Schulen eine große Rolle spielt.
Nachdem die Demonstration am Abschlussort ankam, war schnell klar, dass man als Demo weiterlaufen will. Als Reaktion auf den Versuch, eine Straße entlangzulaufen, welche durch die Polizei blockiert wurde, wurde wieder massiv Tränengas eingesetzt, welches in der ganzen Umgebung in der Luft stand.Trotz des Angriffes schaffte es die Demonstration einen anderen Weg zu nehmen und selbstbestimmt mit tausenden Menschen zu laufen. Immer wieder kam es zu Angriffen durch die Polizei mit Schlägen und Tränengas, als Reaktion wurden Blockaden aufgebaut und alle Verletzten solidarisch behandelt.
Solidarität leben – von der kämpfenden Jugend in Frankreich lernen!
Als Delegation mit dem Ziel, von dem Widerstand zu lernen und praktische Solidarität zu leben, sind wir nach Frankreich gereist. Wir konnten in Gesprächen mit vielen Schüler:innen und Student:innen vieles über die aktuelle Lage der Jugend in Frankreich lernen. Über die Dynamik innerhalb der Proteste und den entschlossenen Widerstand, den staatlichen Repressionen zu trotzen. Ein Jugendlicher hat uns gesagt: „Es ist nicht nur in Frankreich; in Deutschland, Italien, Spanien und überall auf der Welt könnt ihr dasselbe machen. Habt keine Angst vor Polizeigewalt und Repression, wir müssen vereint und stark sein!“
Besonders interessant ist für uns auch, welche politischen Kräfte diese Bewegung vorantreiben, denn das sind vor allem die klassenkämpferischen und sozialistischen Organisationen. Ob in den ersten Reihen bei Auseinandersetzungen oder den Diskussionen über die eigenen Forderungen der Bewegung – Sozialist:innen und Revolutionär:innen nehmen eine wichtige Rolle ein.
Trotz einer medialen Hetzkampagne steht die Bewegung zusammen und lässt sich nicht in „friedlich“ und „gewaltbereit“ teilen. Als auf der Demo die mit Helmen und Atemmasken vermummten Jugendlichen mit Mülltonnen auf dem Weg in die ersten Reihen liefen, jubelten die restlichen Schüler:innen ihnen zu. Und auch während der Polizeiangriffe gab es zwar verschiedene Formen, damit umzugehen, allerdings gingen diese immer Hand in Hand. Während manche vorne mit der richtigen Schutzausrüstung Barrikaden bauten, versorgten andere Verletzte oder brachten Material für Blockaden nach vorne.
Am Aktionstag waren insgesamt 450.000 Menschen, mehrheitlich Jugendliche, auf der Straße. Trotz des jetzigen Versuches der französischen Regierung, durch Verhandlungen die Jugendlichen zu beschwichtigen, sind schon jetzt weitere Proteste angekündigt. Jeden Tag werden hunderte Schulen und Unis blockiert und am 17. Oktober ist ein weiterer nationaler Aktionstag angekündigt.
Solidarität mit der Jugend in Frankreich zu organisieren heißt hier in Deutschland, in unseren Schulen, Unis und auf der Straße zu zeigen, dass ihr Widerstand berechtigt und richtig ist und wir es ihnen nachmachen müssen. Unser Kampf gegen die Kriegsvorbereitung und gegen den massiven Sozialabbau muss auch in Deutschland intensiviert werden.
Abschließend wollen wir uns bei allen Schüler:innen, Student:innen und besonders Vertreter:innen verschiedenster Organisationen für den Austausch und die Möglichkeit bedanken, nicht nur aus der Ferne über die Proteste, sondern auch mit Genoss:innen, welche in ihnen kämpfen, zu lernen.
Als Jugend über Grenzen hinweg gemeinsam streiken, gemeinsam kämpfen!

