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„Berxwedan jiyan e“ – Ein Reisebericht aus Rojava

Die folgende Erklärung entstand im Rahmen der Veröffentlichung der sexualisierten Gewalt, der geschlechtsspezifischen Repression gegen eine FKO-Genossin der Rojavadelegation Anfang 2026. Lest euch gerne sowohl die Erklärung zu dieser Gewalt durch:
https://internationale-jugend.de/2026/08/eure-gewalt-bricht-uns-nicht-unsere-koerper-unser-kampf/ (Hier findet ihr auch ein längeres Video mit der Erklärung)
Als auch unsere Erklärung zu Geschlechtsspezifischer Repression:
https://internationale-jugend.de/2026/08/warum-wir-geschlechtsspezifische-repression-nicht-hinnehmen-und-warum-wir-offentlich-daruber-sprechen/

Anfang des Jahres waren wir Teil einer Delegation, die nach Bakur, Nordkurdistan gereist ist. Wir wollten überunsere eigenen Grenzen hinweg internationale Solidarität zeigen, die Proteste zur Verteidigung von Rojava zu unterstützen und von vor Ort berichten.

Was ist Rojava eigentlich?

Rojava, was im kurdischen „Westen“ bedeutet, ist eine Region im Nordosten von Syrien, die zu einem der vier Teile Kurdistan gehört, die sich über die Türkei, Syrien, den Irak und den Iran erstreckt.

Im Kontext des syrischen Bürgerkriegs ist es im Jahr 2012 mehrheitlich kurdischen Kräften gelungen, entlang der türkisch syrischen Grenze einzelne Städte vom Baath-Regime unter Bashar al Assad zu befreien. In diesen Gebieten bauten sie eigene Rätestrukturen und eine Selbstverwaltung auf.

Obwohl der anfängliche Aufstand vor allem von der kurdischen Bevölkerung und den organisierten kurdischen Kräften getragen wurde, leben in den Gebieten Rojavas zahlreiche weitere Bevölkerungsgruppen, darunter Araber:innen, Assyrer:innen, Aramäer:innen, Êzîd:innen sowie verschiedene Minderheiten, die Stück für Stück auch Teil der Selbstverwaltung geworden sind.

Ausgehend von den ersten befreiten Städten und vor allem im Kampfe zuerst gegen die al-Nusra-Front – einem Ableger von Al-Quaida und später dem sogenannten „Islamischen Staat“ ist es den kurdischen Kräften gelungen, weitere Städte zu befreien und die Selbstverwaltung auszuweiten.

Eine Besonderheit des Aufbaus der Selbstverwaltung ist nicht nur die Etablierung demokratischer Rätestrukturen, die direkte Mitbestimmung ermöglichen und alle Ethnien im gesellschaftlichen Aufbau einbeziehen, sondern auch der starke Fokus auf Ökologie und Frauenbefreiung. Vor allem Frauen spielen in der Selbstverwaltung sowohl zivilgesellschaftlich als auch militärisch eine zentrale Rolle. Sie sind in allen zentralen Gremien vertreten, es gibt Frauenräte und Frauengerichte, die über die Belange von Frauen entscheiden. Zudem existieren eigenständige Frauenkooperativen um finanziellen Unabhängigkeit herzustellen, zur Entwicklung von Frauenwissenschaften und vielem mehr.

Um den Aufbau der Selbstverwaltung zu ermöglichen und die Errungenschaften zu schützen wurden auch eigene Selbstverteidigungseinheiten aufgebaut. Die Volksverteidigungseinheiten YPG und die Frauenverteidigungseinheiten YPJ spielen bis heute eine entscheidende Rolle bei der militärischen Verteidigung Rojavas.

Eine weltpolitisch zentrale Bedeutung erlangten die YPG und YPJ im Jahr 2014 im Kampf gegen den IS, der in der Region erstarkt war und einen islamistischen Staat errichtete. In diesem Kontext entstanden auch die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) als multiethnischer, militärischer Zusammenschluss. Die SDF schloss immer wieder auch taktische Bündnissen mit der von den USA geführten Koalition gegen den IS – die allerdings nicht aus „gutem Willen“ sondern vorrangig aus eigenen Interessen an der Zurückdrängung des Einflusses des Assad-Regimes und Irans beteiligten.

Zeitgleich mit der Bekämpfung und später mit der Zerschlagung des IS, war Rojava auch immer wieder Angriffen ausgesetzt. Denn für den türkischen Staat und seine Milizen, , so wie alle anderen Nationalstaaten in der Region stellte die eigenständige Selbstverwaltung, die volksgetragene Selbstverteidigung und die reelle revolutionäre Alternative eine Gefahr dar.

Um diese Angriffen zurückzuschlagen stellte sich die gesamte Bevölkerung hinter die Selbstverteidigung. Auch Revolutionär:innen und Internationalist:innen weltweit schlossensich u.a. im internationalen Freiheitsbattallion an um Rojava militärisch zu verteidigen.

Bis heute beruht die Revolution auf dem Willen der Menschen, die bereit waren und sind, sich mit allem einzubringen, was sie haben. Tausende haben in diesem Kampf ihr Leben verloren. Sie sind gefallen im Einsatz für Befreiung, Selbstbestimmung und eine andere Gesellschaft.

Rojava hat mit dem revolutionären Ansatz nicht nur einen realen Bezugspunkt für die kurdische Befreiung erkämpft, sondern hat eine Strahlkraft entwickelt, die sich über die verschiedenen Teile Kurdistans erstrecken. Auch für uns hat die Revolution in Rojava eine besondere Bedeutung: Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass eine Revolution auch in der heutigen Zeit möglich ist und dass eine fortschrittlichere Gesellschaft erkämpft werden kann.

Zu Beginn des Jahres war das Projekt wieder akut und existenziell bedroht

Im Dezember 2024 wurde das Assad-Regime von einer Allianz aus HTS-Milizen unter al-Jolani (heute al-Sharaa) gestürtzt. Also von denKräften, die noch vor wenigen Jahren als Al-Nusra-Front maßgeblich an der Bekämpfung Rojavas beteiligt waren.

Im Anschluss scheiterten die Verhandlungen zwischen der SDF und der neuen syrischen Übergangsregierung trotz Vereinbarungen und Zusicherungen und HTS-geführte Kräfte griffen gemeinsam mit der syrischen Übergangsregierung Anfang Januar 2026 kurdische Stadtteile in Aleppo an.

Seit Mitte Januar sind sie zu einem Generalangriff auf die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien übergegangen. Mehrere mehrheitlich arabische Städte wurden seitdem unter die Kontrolle des syrischen Regimes gebracht, andere Teile Rojavas werden militärisch belagert und angegriffen.

Dies hat zu einer humanitären Katastrophe geführt: Die Lieferung von Lebensmitteln ist gestoppt, die Wasser- und Stromversorgung ist gekappt, medizinische Versorgung kaum noch vorhanden. Besonders Kobanê – eine Stadt, die wie kaum eine andere für den Widerstandsgeist Rojavas steht – ist eingekesselt und vollständig abgeschnitten.

Im Zuge der Angriffe kam es zudem zu Massenausbrüchen von IS-Angehörigen, aus zuvor von den Kurd:innen bewachten Gefangenenlagern, was eine zusätzliche Bedrohung darstellt.

Der Angriff auf Rojava ist als ein Angriff auf die Existenz der Selbstverwaltung zu werten. Er zielt darauf ab, das revolutionäre Projekt zu zerstören und die kurdische Befreiungsbewegung zu vernichten. Dabei handeln die syrischen Übergangskräfte nicht isoliert und nicht ohne Rückendeckung. Die Angriffe stehen im Zusammenhang mit Absprachen westlicher und regionaler Mächte, darunter die Türkei und Israel, USA, über die geopolitische Neuordnung Syriens, die u.a. Anfang Januar bei einem Treffen in Paris getroffen wurden. Dort wurden eine faktische Aufteilung Syriens verhandelt und die Angriffe auf die Selbstverwaltung politisch ermöglicht.

Zur Verteidigung gegen die aktuellen Angriffe hat die Selbstverwaltung eine Generalmobilmachung ausgerufen. Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft beteiligen sich nach ihren Möglichkeiten an der Selbstverteidigung. Sowohl militärisch als auch durch die Vorbereitung von Essen, Munitionen und sonstiger Infrastruktur.

An den Grenzen zu Rojava reißen Tausende die Zäune nieder, um nach Rojava zu gelangen. In Bakur gehen ebenfalls Tausende auf die Straße. Internationalist:innen reisen nach Rojava, um ihre Solidarität zu zeigen und Proteste zu unterstützen. Gleichzeitig gehen weltweit Menschen auf die Straße, um auf die aktuelle Situation aufmerksam zu machen und Verantwortung für die Verteidigung der Revolution zu übernehmen.

Seit Beginn der Angriffe im Januar gab es von der Selbstverwaltung und internationalistischen Kommune den Aufruf nach Rojava zu kommen und die Proteste in Bakur zu unterstützen. Im Zuge dessen haben sich Menschen aus ganz Europa auf den Weg nach Kurdistan gemacht. Per Auto als Teil eines Konvois oder per Flug, als Aktivist:innen, als Journalist:innen, als direkte Unterstützung der Verteidigungskräfte oder in Form von medizinischem Personal.

Warum haben wir uns entschieden an der Delegation teilzunehmen?

Als Internationalist:innen aus verschiedenen Organisationen aus Deutschland ist die Delegation zusammengekommen und war Teil der „People’s Caravan zur Verteidigung der Menschlichkeit“.

Unser Ziel als Internationalistinnen in Bakur war es:

→ eine Berichterstattung über die aktuelle Lage und das schaffen einer internationalen Öffentlichkeit

→ Beteiligung an Protesten oder Demos

→ Solidarität vor Ort zu zeigen und mit den Menschen ins Gespräch kommen

→ aber auch die Offenheit zu haben, einfach zu schauen wo wir unterstützen können

→ relevant war für uns erstmal schnell los zukommen und dann zu gucken was möglich ist und wie weit man kommt

Auf Einladung der DEM-Partei – der „Partei für Emanzipation und Demokratie der Völker“ sind wir als internationale Delegation nach Nordkurdistan gereist. Unser Ziel war es, uns vor Ort ein Bild von der politischen Situation zu machen, Kontakte zu Aktivist:innen und Organisationen zu knüpfen, eine internationale Öffentlichkeit für die Situation vor Ort herzustellen und unsere Solidarität mit den Kämpfen in Kurdistan und Rojava sichtbar zu machen.

Die Reise begann in Amed, wo der Sonntag und Montag verbracht wurden. Wir nahmen an Demonstrationen und Kundgebungen teil und führten Gespräche mit verschiedenen politischen und sozialen Akteur:innen. Besonders bedeutsam war der Austausch mit der Jugend der DEM-Partei. Gemeinsam sprachen wir über die besondere Rolle der Jugend im Widerstand und darüber, wie der türkische Staat versucht, politische Organisierung zu schwächen. Neben Repression und Verhaftungen spielen dabei auch Drogen und reaktionäre Ideologien eine Rolle, mit denen junge Menschen von politischer Organisierung und gesellschaftlichem Widerstand abgehalten werden sollen.

Darüber hinaus trafen wir Frauen, die im Rahmen der Jineolojî (der kurdischen „Frauenwissenschaft“)zu Frauenwiderstand, Selbstermächtigung und einer antipatriarchalen Gesellschaft arbeiten. Wir konnten außerdem mit einem Genossen sprechen, der insgesamt 32 Jahre in türkischen Gefängnissen verbracht hatte, davon zwei Jahre gemeinsam mit Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel İmralı . Auch ein kurzes Treffen mit Genoss:innen der ESP, der Sozialistischen Partei der Unterdrückten, war möglich.

Am Dienstag fuhren wir nach Nusaybin an die Grenze zu Rojava. Auf der anderen Seite der Grenze liegt die Stadt Qamishlo. Dort wurde besonders deutlich, wie nah die verschiedenen Teile Kurdistans geografisch beieinanderliegen und gleichzeitig durch Grenzen, Mauern und militärische Kontrolle voneinander getrennt werden. Wir nahmen an einem Protest direkt an der Grenze teil und führten Gespräche mit Menschen vor Ort.

Internationale Solidarität ist spürbar

Ein zentraler Eindruck der Reise war die enorme Bedeutung internationaler Solidarität. Wir haben sie in politischen Gesprächen, auf Demonstrationen, in Kulturzentren und auch in den Familien erlebt, bei denen wir untergebracht waren.

Der türkische Staat greift die kurdische Bevölkerung und ihre Identität seit Jahrzehnten durch militärische Gewalt, Besatzung, Repression und Verhaftungen an. Gleichzeitig findet ein ideologischer Angriff statt: Immer wieder wird das Bild vermittelt, das kurdische Volk sei isoliert, habe keine Verbündeten und seine Kämpfe hätten keine internationale Bedeutung. Unsere Erfahrungen vor Ort haben dieses Narrativ unmittelbar widerlegt.

Allein unsere Anwesenheit als Internationalist:innen hatte eine spürbare Wirkung. Immer wieder wurde uns gesagt, wie wichtig es für die Menschen ist, zu sehen, dass ihre Kämpfe auch außerhalb der Region wahrgenommen werden. Entscheidend war dabei nicht, dass wir uns persönlich kannten. Entscheidend war, dass wir gemeinsame Perspektiven und Hoffnungen teilen und bereit waren, dafür den Weg auf uns zu nehmen.

Auch eine Frau, die wir dort trafen, beschrieb die Bedeutung dieser Verbundenheit sehr eindringlich. Sie erzählte davon, dass über lange Zeit niemand Interesse an ihrem Volk gezeigt habe und dass selbst der Kontakt zu Menschen auf der anderen Seite der Grenze durch die Mauer verhindert werde. Dass Menschen aus Deutschland anreisen, um ihre Solidarität zu zeigen, vermittle ihnen das Gefühl, nicht allein zu sein.

Auch in den Familien, bei denen wir schliefen, war diese internationale Verbindung präsent. Abends lief häufig kurdisches Fernsehen, in dem Demonstrationen und Solidaritätsaktionen aus verschiedenen europäischen Ländern gezeigt wurden. Für uns war es bewegend zu sehen, dass die Aktionen, die wir hier organisieren, von den Menschen vor Ort wahrgenommen werden und ihnen Mut machen.

Damit wurde uns auch deutlich, dass die Kämpfe hier und dort in einer direkten Wechselwirkung stehen. Die Revolution in Rojava zeigt, dass gesellschaftliche Veränderung möglich ist, und eröffnet auch hier Perspektiven. Gleichzeitig tragen wir Verantwortung dafür, die Kämpfe in Rojava zu verteidigen – etwa indem wir die Rolle deutscher Waffen und politischer Unterstützung für die türkische Regierung thematisieren und bekämpfen. Internationale Solidarität bedeutet deshalb mehr als Unterstützung von außen: Sie ist ein gemeinsamer Kampf, der auf beiden Seiten Kraft geben kann.

Widerstand im Alltag

Der Widerstand ist in Nordkurdistan nicht auf große Demonstrationen beschränkt. Er ist tief im Alltag verankert. In Amed gehen beispielsweise in manchen Vierteln jeden Abend um 20 Uhr Menschen auf Balkone oder vor ihre Häuser und machen mit Topfschlagen Lärm, um ihre Solidarität mit Rojava auszudrücken. Auch Kinder beteiligen sich daran. Gleichzeitig finden Autokorsos und spontane Aktionen statt.

Bei unserer ersten größeren Kundgebung auf dem zentralen Dağkapı-Platz in Amed wurde deutlich, wie stark der Staat versucht, öffentlichen Protest zu kontrollieren. Vorangegangene Demonstrationen waren verboten worden. Die DEM-Partei organisierte deshalb den Weg zur Kundgebung in kleinen Gruppen, jeweils begleitet von Parteimitgliedern. Der Platz selbst war von Beginn an von Polizeikräften und Absperrgittern umstellt.

Trotzdem lassen sich die Menschen das Recht auf die Straße nicht nehmen. Wenn Demonstrationen verboten werden, finden Kundgebungen statt – und auch diese sind kämpferisch und laut. Besonders bedeutend war der Tag, an dem wir dort waren: der Jahrestag der Befreiung von Kobanê vom sogenannten „Islamischen Staat“. Die Befreiung durch die YPG und insbesondere die YPJ war ein entscheidender Wendepunkt im Kampf gegen den IS und machte den kurdischen Frauenwiderstand weltweit bekannt.

Kobanê stand zu Beginn des Jahres erneut im Zentrum der Auseinandersetzung. Die Menschen dort waren mit einer dramatischen humanitären und militärischen Situation konfrontiert. Umso wichtiger war es für uns, an diesem Tag nicht nur an die militärische Befreiung der Stadt zu erinnern, sondern auch die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen.

Widerstand bedeutet dabei auch kultureller Widerstand. Die kurdische Sprache wird bewusst im öffentlichen Leben verwendet. Die DEM-Partei führt beispielsweise Wahlkampf auf Kurdisch. In den Familien trafen wir Menschen, die ausschließlich Kurdisch sprechen. Musik, Tanz und gemeinsames Singen sind ebenfalls Teil dieses Kampfes. Wir sangen gemeinsam auf Kurdisch, Türkisch und Deutsch. Auch während unserer späteren Festnahme half uns das gemeinsame Singen, uns gegenseitig zu stärken.

Frauenwiderstand und Frauenbefreiung

Ein besonderer Schwerpunkt unserer Reise war der Frauenwiderstand. Die Revolution in Rojava ist gerade für viele Frauen von großer Bedeutung, weil sie konkret erfahren haben, was auf dem Spiel steht, wenn diese Errungenschaften zerstört werden.

Frauen haben in Rojava nicht nur militärisch gegen den IS gekämpft. Sie haben gleichzeitig begonnen, eine Gesellschaft aufzubauen, in der Frauen selbst über ihr Leben und ihre Zukunft entscheiden. Frauenrechte und die Rechte von LGBTI+-Personen sind dabei keine Selbstverständlichkeit, sondern müssen erkämpft und verteidigt werden.

Wie stark dieser Widerstand ist, konnten wir auch auf den Demonstrationen in Nordkurdistan erleben. Häufig waren es Frauen, die besonders laut und kämpferisch auftraten. Unter ihnen waren auch die Samstagsmütter, die seit den 1990er Jahren regelmäßig für ihre ermordeten oder verschwundenen Angehörigen auf die Straße gehen. Sie fordern nicht nur Aufklärung und Gerechtigkeit, sondern führen den Kampf ihrer Kinder weiter.

Besonders war die Begegnung mit Frauen, die selbst Angehörige im Kampf verloren haben oder seit Jahren nichts von ihnen wissen. Auch innerhalb unserer Delegation gab es eine Genossin, deren Sohn über zehn Jahre in Rojava gekämpft hatte und von dem sie seit zwei Jahren nichts mehr gehört hat. Der Austausch mit Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, gab ihr sichtbar Kraft. Schmerz, Sorge und Stolz über die Kämpfe ihrer Kinder verbanden sich zu einer gemeinsamen Stärke.

Auch symbolisch findet dieser Frauenwiderstand Ausdruck. Das Flechten von Zöpfen ist zu einem internationalen Symbol der Solidarität mit den kurdischen Frauen geworden. Selbst ein scheinbar alltägliches Zeichen wie ein geflochtener Zopf kann unter den Bedingungen von Repression zu einem Ausdruck von Stolz, Widerstand und Frauenbefreiung werden.

Repression als alltägliche Realität

Neben dem Widerstand haben wir auch die staatliche Repression unmittelbar erlebt. Bereits das alltägliche Bild war von einer massiven Drohkulisse geprägt: Polizeikräfte mit Schilden bei politischen Veranstaltungen, zahlreiche Zivilpolizist:innen, Militärfahrzeuge, Kontrollen und die allgegenwärtige türkische Staatsflagge.

Schon unsere erste Pressekonferenz vor der DEM-Parteizentrale wurde von einer auffällig großen Polizeipräsenz begleitet. Auf dem Weg nach Nusaybin mussten wir mehrere Kontrollpunkte passieren. Gleichzeitig erreichten uns während unseres Aufenthalts immer wieder Meldungen über Verhaftungen, Gewalt und Misshandlungen.

Diese Repression richtet sich gegen alle fortschrittliche und revolutionäre Strukturen. Betroffen sind Jugendliche, Sozialist:innen, Frauenorganisationen, Gewerkschafter:innen, Umweltaktivist:innen und Journalist:innen. Politische Organisierung und Solidarität mit Rojava werden vom türkischen Staat als Bedrohung behandelt.

Auch wir wurden schließlich selbst mit dieser Repression konfrontiert. Auf dem Weg nach Mardin wurden wir am Mittwoch von der Polizei festgenommen. Eigentlich hätten wir dort an einer Protestaktion und einer Pressekonferenz teilnehmen und anschließend weiter nach Suruç fahren sollen, um dort auf den Teil der People’s Caravan zu treffen, der mit Autos unterwegs war.

Die Festnahme war für uns eine direkte Erfahrung dessen, was politische Aktivist:innen in der Türkei und insbesondere in Nordkurdistan tagtäglich erleben. Gleichzeitig wurde auch in dieser Situation deutlich, dass Repression den Widerstand nicht einfach zum Schweigen bringt. Wir sangen gemeinsam auf Deutsch und Kurdisch und versuchten, uns gegenseitig Kraft zu geben.

Unsere Erfahrungen sind dabei nicht deshalb wichtig, weil unsere eigene Festnahme im Mittelpunkt stehen soll. Sie sind wichtig, weil sie einen Einblick in die Realität geben, in der politische Organisierung stattfindet. Während wir vor Ort waren, wurden erneut zahlreiche Sozialist:innen und Revolutionär:innen festgenommen. Immer wieder wird von massiver Gewalt bei Protesten und von Misshandlungen in Gefängnissen berichtet. Gleichzeitig werden Menschen getötet, die sich an der Verteidigung Rojavas und der Revolution beteiligen.

Schon nach der Landung wurden wir in Amed von Polizisten raus gezogen und verhört. Was wir machen, wo wir hin möchten, ob wir Kontakte in der Stadt haben. Wir haben unsere einstudierte „Touri-Nummer“ abgezogen und das gebuchte Hotel, in dem wir nie geschlafen haben, gezeigt. Schon hier wurden wir mehrfach angeschrien. Angeblich hatten sie uns festgehalten, weil wir russisch aussehen und dieser Flughafen oft genutzt wird, um deutsche Fake-Pässe anfertigen zu lassen. Wir und die Anwälte der DEM-Partei gehen aber davon aus, dass es schon dort um politische Gründe ging. Ein Anwalt hat uns dann auch abgeholt und wir durften erst mal bleiben.

Für den 5. Tag der Delegation war geplant, von Nusaybin nach Mardin zu fahren, dort erneut eine Pressekonferenz bei Protesten abzuhalten und dann weiter bis nach Suruç zu fahren. Auf dem Weg nach Mardin wurden wir dann auf der Autobahn von der Militärpolizei gezielt raus gezogen und verhaftet. Alle Organisationen und Journalist:innen auf der Delegation haben seit dem erstem Tag in Bakur eine mediale Berichterstattung gemacht. Im Fernsehen waren immer wieder Videos von Demos in Europa und auch die Delegation war darin zu sehen. Mit dieser Öffentlichkeitswirksamkeit und der direkten Solidarität war die Delegation dem türkischen Staat ein Dorn im Auge – die Solidarität sollte verhindert werden. Nach einigen Stunden in einem Polizeitransporter, anschließender Durchsuchung auf einer Wache in Mardin und wenigen Stunden in Zellen wurden wir dann in einem Reisebus 20 Stunden nach Istanbul gefahren. In dem Bus saßen wir alle hintereinander am Fenster und hatten neben uns jeweils einen persönlichen Bullenaufpasser sitzen. Über diese 20 Stunden hinweg konnten sich einige Dinge und kleine Momente der Widerständigkeit erkämpft werden – es wurde gesungen,es konntedurchgesetzt werden, dass Medikamente aus den beschlagnahmten Taschen ausgegeben wurden und wir konnten uns wie bei Flüsterpost die Reihe hindurch absprechen. So konnte einekurze Mini-Demo auf einer Raststätte geplant werden.Auf dem Weg zurück von den Toiletten wurden kurdische Parolen gerufen. Das war er erste Moment, wo die Cops Gewalt angewendet haben. Dadurch dass sie alle schnell wieder in den Bus drängen wollten, gab es dann die Möglichkeit, dass alle nach hinten gehen und die restliche Fahrt gemeinsam sitzen. Die Zeit wurde genutzt, um Kraft und Solidarität zu tanken, es wurde gesungen, sich gegenseitig die Haare geflochten und Absprachen getroffen. Mit einem geschmuggelten Handy konnte in Deutschland Bescheid gegeben werden, was grade passiert.

Die gesamte Abschiebung sollte so schnell, reibungslos und leise wie möglich ablaufen.Wir wollten dem etwas entgegensetzen,Öffentlichkeit schaffen und die Lage in Rojava aufgreifen.

Angekommen im Abschiebezentrum in Istanbul wurden alle zu einem Amtsarzt gebracht. Wir mussten bestätigen, dass wir nicht misshandelt wurden und wurden dann in eine Sammelzelle gebracht. Dort haben gab es das Angebot, dass noch am selben Abend alle gemeinsam abgeschoben werden, wenn unterschreiben wird, das Land auf eigenen Willen zu verlassen. Das haben wir dann auch gemacht.

In dieser Sammelzelle entschieden wir, die Öffentlichkeit im Flugzeug zu nutzen und dort auf die Abschiebung, die Situation in Rojava und den laufenden Genozid aufmerksam zu machen. Im Flugzeug wurde eine kurze Durchsage gehalten und alle riefen kurdische Frauenparolen. Das war der Wendepunkt: dieser kollektive Moment, die Öffentlichkeit und dann noch Parolen auf kurdisch nutzte der türkische Staat als Möglichkeit, um seinen Umgang zu Verändern und unsmassiv anzugreifen. Nach wenigen Minuten kamen Bullen und Geheimdienstler rein, zerrten uns gewaltvoll aus dem Flugzeug, warfen uns die Treppe zur Landebahn runter und schmissen uns in einen Transportbus. Dort wurden wir gefesselt, auf den Boden getreten und mit faschistische Musik und dem Satz „Welcome to Türkiye“ empfangen.

Mit dem Bus wurden alle wieder zurück in das Abschiebezentrum gefahren und wurden dann die Nacht über in Einzelzellen gesteckt.

In den folgenden Stunden haben wir Folter in Form von systematischer körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt erfahren. Wir durften weder die Augen schließen, noch schlafen,uns anlehnen oder sitzen. Sie traten und schlugen auf die Delegationsteilnehmer:innen ein, teilweise bis zur Bewusstlosigkeit. Alle wurden beleidigt und bespuckt, geflochtene Haare wurden im Schritt der Bullen gerieben oder ausgerissen. Wir wurden gezwungen uns Videos von misshandelten Kämpferinnen an zuschauen. Auch die eigenen Videos der letzten Tage wurden gezeigt und es wurde gesagt, die Genoss:innen darin würde nie wieder aus der türkischen Haft raus kommen.

In der Zelle ist man vollkommen auf sich gestellt, das wirft einen in bekannte Reaktionsmuster zurück. Und dennoch konnten verschiedene Genoss:innen auch dort schon Formen des Umgangs entwickeln – jede alleine durch z.B. den Versuch eine Kontrolle zu behalten und ein System der Wärter zu verstehen, sich direkt an die Türe zu stellen – und doch mit verbindendem Charakter – z.B. das Klopfen an die Nachbarzelle, Parolen rufen oder Singen.

Abgeschoben wurden wir dann in den Morgenstunden mit Antiterror-Zwangsgurten und teilweise Maulkorb, mit jeweils 2 Bullen pro Person begleitet. Wir wurden in Vierergruppen aufgeteilt, bewusst um das Kollektiv zu durchbrechen, was sich davor immer erkämpft wurde und allen Kraft gab. In verschiedenen Städten angekommen, wurden wir dann sehr herzlich von Genoss:innen verschiedener Organisationen empfangen.

Keine bleibt allein – ein kollektiver Umgang mit geschlechtspezifischer Repression

Seitdem wir zurückgekommen sind, wurde sich viel mit den Erlebten Erfahrungen auseinander gesetzt. Es wurde versucht die Erfahrungen politisch einzuordnen und damit zu arbeiten.

Alle mussten lernen, wie wichtig es ist in einem Kollektiv sehr ehrlich mit den Erfahrungen und Emotionen umzugehen, um sie bearbeitbar zu machen. Daraus konnte eine große Stärke gezogen werden.

Wir haben uns mit verschieden Internationalen Erfahrungen beschäftigt, sei es von Frauen aus Türkei, Palästina, Spanien oder auch Erfahrungen von sexualisierter Gewalt in deutschen Knästen und sind dadurch einen Schritt näher gekommen, wie unser Umgang als FKO mit den Erfahrungen und eine politische Antwort auf diese Angriffe aussehen können.

Durch diese kollektive Auseinandersetzung konnte unsere Genossin den Mut und die Kraft entwickeln, ihre Erfahrungen zu äußern und nun öffentlich zu machen.

Während der Zeit in Abschiebehaft haben die Bullen verschiedene Methoden angewendet, um die Genoss:innen zu brechen. Mal war es die körperliche Gewalt, mal war es psychische und mal war es sexualisierte Gewalt. In der Zeit auf der Einzelzelle wurde unsere Genossin von einem türkischen Beamten vergewaltigt.

Sie sagt selber, sie teilt diese Erfahrung mit vielen weiteren Frauen, es ist nicht nur ihre Geschichte, es ist die Geschichte vieler Frauen und vor allem ist der Kampf gegen sexualisierte Gewalt eine Geschichte, die alle Frauen vereint. Es liegt an uns allen, diese Erfahrungen in eine Geschichte des Widerstandes zu entwickeln.

Sexualisierte Gewalt in Haft können alle widerständigen Frauen erfahren, die Kämpfe führen und sich für die Frauenrevolution einsetzten. Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung sind schon lange ein Mittel, den Willen von Frauen zu brechen und Kämpfe zu zerschlagen. Überall auf der Welt werden Frauen in Gefangenschaft gefoltert und vergewaltigt. Wir sehen das unter anderem in der Türkei und in Palästina. Sexualisierte Gewalt ist ein politischer Angriff auf uns Frauen und wir müssen politisch darauf antworten. Wie eine Antwort aussieht, hat keine einheitliche Schablone. Die Genossin hat sich dazu entschieden, eine öffentliche Antwort zu geben, in die Offensive mit ihren Erfahrungen zu gehen, die Gewalt die sie erleben musste, nicht zu akzeptieren, das gesamte Thema greifbarer in unseren politischen Kampf zu tragen und die Brutalität des türkischen Staates aufzuzeigen. Staaten politisieren unsere Körper und es liegt an uns, sie uns wieder zurück zu nehmen. Die Scham muss die Seite wechseln!

Die Delegationsreise hat vor allem eines gezeigt: Der Widerstand in Nordkurdistan und Rojava ist trotz massiver Repression lebendig und tief in der Gesellschaft verankert. Er findet auf Demonstrationen statt, in Jugendorganisationen und Frauenstrukturen, in Familien und Kulturzentren, durch Sprache, Musik und gemeinsames Singen – und in unzähligen alltäglichen Gesten der Solidarität.

Gleichzeitig haben wir verstanden, wie wichtig es ist, dass diese Kämpfe international sichtbar bleiben. Die Menschen vor Ort wissen, dass in Europa Demonstrationen stattfinden, dass Menschen über Rojava sprechen und dass es Genoss:innen gibt, die sich gegen die Unterstützung des türkischen Staates und gegen deutsche Waffenexporte stellen. Diese Verbindung ist keine Einbahnstraße. Auch wir nehmen etwas aus diesen Begegnungen mit: die Erfahrung, dass Widerstand trotz Repression möglich ist und dass internationale Solidarität tatsächlich Kraft entfalten kann.

Unsere Reise war deshalb nicht nur eine Reise, auf der wir uns über die Situation vor Ort informieren wollten. Sie war auch ein Ausdruck davon, dass die Kämpfe in Kurdistan nicht isoliert sind. Die Hoffnung auf eine andere Gesellschaft, auf Befreiung und Selbstbestimmung verbindet Menschen über Grenzen hinweg.

Gerade angesichts der Repression des türkischen Staates gilt deshalb: Internationale Solidarität ist nicht nur Unterstützung – sie ist Teil des gemeinsamen Widerstands.

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